Das Ende der unbewussten Evolution

Mit dem Menschen endet der natürliche, automatische Prozess der Evolution. Der Mensch ist das letzte Produkt der unbewussten Evolution. Mit dem Menschen beginnt die bewusste Evolution. Mehrere Dinge sind dabei zu beachten.
Erstens ist die unbewusste Evolution mechanisch und natürlich. Sie geschieht von selbst. Durch sie entwickelt sich das Bewusstsein. Doch in dem Moment, in dem das Bewusstsein entsteht, hört die unbewusste Evolution auf, denn ihr Zweck ist erfüllt. Die unbewusste Evolution wird nur bis zu dem Punkt benötigt, an dem das Bewusste entsteht. Der Mensch ist bewusst geworden. In gewisser Weise hat er die Natur überschritten. Jetzt kann die Natur nichts mehr tun; das letzte durch natürliche Evolution mögliche Produkt ist hervorgebracht. Nun wird der Mensch frei, zu entscheiden, ob er sich weiterentwickelt oder nicht.
Zweitens ist die unbewusste Evolution kollektiv, doch sobald sie bewusst wird, wird sie individuell. Keine kollektive, automatische Evolution führt über den Menschen hinaus. Von nun an ist die Evolution ein individueller Prozess. Bewusstsein schafft Individualität. Bevor sich Bewusstsein entwickelt, gibt es keine Individualität. Es existieren nur Arten, keine Individuen.
Solange die Evolution unbewusst ist, ist sie ein automatischer Prozess; es gibt keine Ungewissheit. Die Dinge geschehen nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Das Dasein ist mechanisch und sicher. Mit dem Menschen, mit dem Bewusstsein, kommt jedoch die Ungewissheit ins Spiel. Nun ist nichts mehr sicher. Evolution kann stattfinden — oder auch nicht. Das Potenzial ist da, doch die Wahl liegt vollständig bei jedem Einzelnen. Deshalb ist Angst ein menschliches Phänomen. Unterhalb des Menschen gibt es keine Angst, weil es keine Wahl gibt. Alles geschieht so, wie es geschehen muss. Es gibt keine Wahl, also gibt es niemanden, der wählt — und ohne den Wählenden ist Angst unmöglich. Wer sollte ängstlich sein? Wer sollte angespannt sein?
Mit der Möglichkeit zu wählen folgt die Angst wie ein Schatten. Alles muss nun gewählt werden; alles ist eine bewusste Anstrengung. Nur du selbst bist verantwortlich. Scheiterst du, scheiterst du. Es ist deine Verantwortung. Hast du Erfolg, hast du Erfolg. Auch das ist deine Verantwortung. Und jede Wahl ist in gewisser Weise endgültig. Du kannst sie nicht rückgängig machen, kannst sie nicht vergessen, kannst sie nicht zurücknehmen. Deine Wahl wird zu deinem Schicksal. Sie bleibt bei dir und wird ein Teil von dir; du kannst sie nicht leugnen. Doch deine Wahl ist immer ein Wagnis. Jede Wahl trifft man im Dunkeln, denn nichts ist sicher.
Deshalb leidet der Mensch unter Angst. Er ist bis in die Wurzel hinein ängstlich. Was ihn zuallererst quält, ist: sein oder nicht sein? handeln oder nicht handeln? dies tun oder jenes tun? „Nicht wählen" ist nicht möglich. Wenn du nicht wählst, wählst du, nicht zu wählen — auch das ist eine Wahl. Du bist also gezwungen zu wählen; es steht dir nicht frei, nicht zu wählen. Nicht zu wählen wirkt sich genauso aus wie jede andere Wahl.
— Osho
aus Vorträgen, die 1972 auf Englisch gehalten wurden
1978 unter dem Titel The Inward Revolution veröffentlicht